Im Lager entscheidet sich, ob dein ERP funktioniert. Eine falsche Rechnung kannst du korrigieren, ein falsch gepacktes Paket ist beim Kunden. Ich habe selbst Jahre im Lager gearbeitet, bevor ich in die IT-Beratung gewechselt bin: erst als Fachkraft für Lagerlogistik, dann als Logistikmeister. Deshalb schaue ich bei jedem Xentral-Projekt zuerst auf die Lagerprozesse, nicht auf die Feature-Liste.
In diesem Artikel bekommst du den ehrlichen Praxis-Check: was die Xentral-Lagerverwaltung kann, wie die Mobile Picking App wirklich arbeitet, welche Hardware du brauchst und wo die Stolperfallen liegen, die dir das Help Center nicht auf Seite 1 zeigt.
Was die Xentral-Lagerverwaltung kann
Xentral führt Bestände auf Lagerplatz-Ebene. Ein-, Aus- und Umlagerungen laufen über den Bereich Lager oder direkt im Artikel, jeweils mit Buchungshistorie. Für schnelle Bewegungen gibt es Schnell-Auslagern und Schnell-Umlagern, dazu Zwischenlager für Ware, die gerade unterwegs ist.
- Lagerplatz-Typen: reguläre Plätze, Nachschubplätze, gesperrte Plätze und Verbrauchslagerplätze
- Bestandsführung: jede Bewegung mit Lagerbewegungsart und Historie nachvollziehbar
- Chargen, MHD und Seriennummern: pro Artikel aktivierbar, Erfassung per Scan im Wareneingang, in der Produktion und beim Picken
- Laufwege: über Sortiernummern der Lagerplätze steuerbar, damit die App dich in der richtigen Reihenfolge durchs Lager schickt
Das klingt unspektakulär, ist aber genau der Punkt: Ein sauber laufender Standard schlägt jede überladene Speziallösung. Die meisten unserer Kunden zwischen 5 und 50 Mio. Euro Umsatz brauchen keine eigene Lagersoftware neben dem ERP, sie brauchen gepflegte Stammdaten und einen Prozess, den das Team versteht.
Mobile Picking App: so läuft die Kommissionierung
Die Mobile Picking App (im Play Store und App Store als "Xentral Picking") ist der aktuelle Weg für scannergestütztes Kommissionieren. Sie ist ab dem Business-Plan verfügbar. Das Lagerteam meldet sich per persönlichem QR-Code plus PIN an, nach dem Kistenscan funktioniert das Picken auch offline weiter.
Es gibt drei Pick-Modi: Multi-Order-Run als Standard (ein Lauf durchs Lager für mehrere Aufträge gleichzeitig), Single-Order-Run für einzelne Aufträge und Single-Item-Pick für Ein-Artikel-Bestellungen. Konfiguriert wird das über Picklisten-Profile und Mobile Pick-Profile.
- So läuft ein Multi-Order-Run ab: Lauf in der App wählen
- Kisten (Totes) scannen, eine pro Auftrag
- Die App führt dich per Sortiernummer zum ersten Lagerplatz
- Lagerplatz scannen, Artikel scannen, Kisten-QR scannen
- Am Ende synchronisiert die App den Lauf zurück ins Versandzentrum
Für Lebensmittel- und Kosmetik-Brands wichtig: Bei Artikeln mit MHD oder Charge schlägt die App automatisch nach FEFO vor, also die Ware mit dem nächsten Ablaufdatum zuerst. Klärfälle und Teillieferungen lassen sich direkt in der App abwickeln, Dezimalmengen (zum Beispiel 2,5 kg) werden unterstützt.
Voraussetzung im Projekt: das Kommissionierverfahren "Lieferschein mit Lagerplatz und automatische Lagerausbuchung" plus die aktivierte Option Mobile Picking App. Das alte Modul Multi-Order-Picking führt Xentral inzwischen als Legacy, es muss im Projekt deaktiviert sein.
Welche Hardware du brauchst
Die App läuft auf Android und iOS. Zum Testen reicht die Smartphone-Kamera, und genau so würde ich auch starten: erst den Prozess mit zwei, drei Leuten auf dem Handy sauber ziehen, dann in Hardware investieren. Für den Dauerbetrieb empfiehlt Xentral MDE-Geräte von Zebra (TC26, MC3300), Honeywell, Sunmi, Datalogic, KEYENCE (nur BT-A600) und Unitech.
Zwei Dinge vorher wissen: QR-Codes brauchen einen 2D-Scanner oder die Kamera, und externe Bluetooth-Scanner werden nicht unterstützt. Wer also schon Bluetooth-Handscanner im Regal liegen hat, kann sie mit der Picking App nicht weiterverwenden.
Die Stolperfallen aus der Praxis
Die App ist gut, aber sie hat Regeln, die du vor dem Go-Live kennen solltest. Das sind die Punkte, die in unseren Projekten und in der Xentral-Community am häufigsten für Diskussionen sorgen:
- Kisten sind Pflicht. Freies Picken ohne Behälter geht nicht. Der gängige Workaround: den Versandkarton mit Barcode als Kiste deklarieren
- Auftragsstorno blockiert den Lauf. Wird ein Auftrag im laufenden Pick storniert, brauchst du eine neue Pickliste
- Angefangene Läufe kann nur derselbe Benutzer abschließen. Schichtwechsel mitten im Lauf funktioniert nicht
- Kein Abweichen vom MHD-Vorschlag. Die App gibt Charge und MHD vor, manuelles Übersteuern ist nicht vorgesehen
- Labels druckst du nicht aus der App. Der Druck läuft über das Versandzentrum oder den Sammeldruck im Picklisten-Profil
Nichts davon ist ein Ausschlusskriterium. Aber jede dieser Regeln verändert einen Handgriff im Tagesablauf, und genau daran scheitern ERP-Projekte: an Menschen und Prozessen, selten an der Software. Plane für die Umstellung ein bis zwei Wochen Parallelbetrieb ein, in denen das Team die neuen Abläufe unter echter Last testet.
Inventur mit der Inventur-App
Für die Jahres- oder Stichtagsinventur gibt es eine eigene Inventur-App: mobile Zählung per Barcode-Scan, inklusive Chargen, MHD und Seriennummern. Mehrere Personen zählen parallel, über die Rollen "Zähler" und "Prüfer" bleibt das Vier-Augen-Prinzip erhalten. Für Business- und Pro-Verträge ist die App kostenlos.
Ab wann sich Scanner wirklich lohnen
Meine Faustregel aus der Praxis: Sobald du täglich mehr als 50 bis 100 Pakete packst oder dein Sortiment so ähnlich aussieht, dass Verwechslungen passieren (drei Sorten Proteinriegel im fast identischen Karton), rechnet sich der Scanner schnell. Jeder Pickfehler kostet dich doppelt: Retoure plus Neuversand, dazu ein verärgerter Kunde.
Wie groß der Hebel ist, zeigen unsere Kunden: Sollis hat mit Xentral die täglichen Excel-Listen im Lager abgeschafft und CAJU hat den Back-Office-Aufwand um 90 Prozent reduziert. Die Voraussetzung ist immer dieselbe: gepflegte Stammdaten. Ohne Barcodes und Gewichte an den Artikeln nützt dir der beste Scanner nichts.
Wenn du wissen willst, wie dein Lagerprozess in Xentral aussehen könnte, schau dir an, wie eine Xentral-Implementierung bei uns abläuft, oder vermeide direkt die 7 häufigsten Fehler bei der Einführung.